Bis kein Storch mehr fliegt

Tierschützer warnt

Bis kein Storch mehr fliegt

Fritz Vahrenholt

Toter Storch

Tausende Vögel werden Opfer von Windrädern. Investoren zerstören sogar Nester geschützter Arten, die dem Geschäft im Wege stehen. Dagegen hilft ein Mittel, das schon gegen die Mafia erfolgreich war.

Die Entwicklung der Artenvielfalt in Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten gezeigt, dass Tiere, die durch Jagd und industrielle Verschmutzung bedroht waren, zurückkehren. Jagdverbote und der Umweltschutz zeigen Erfolg. Zu diesen Rückkehrern gehören viele prominente Vogelarten: Seeadler, Fischadler, Wanderfalke, Uhu, Schwarzstorch, Kranich.

Jetzt droht diese positive Tendenz bei den Greifvögeln wieder zu kippen. Schuld daran ist das Ausufern der Energiewende in die größte Landschaftsveränderung seit dem Zweiten Weltkrieg. Greifvögel geraten in die Zange von 28.000 Windkraftanlagen, davon mittlerweile 1200 in Wäldern. Mais-Monokulturen wachsen auf 2,5 Millionen Hektar, einer Fläche so groß wie Sizilien.

Auf diesen Maisflächen haben weder Feldhase noch Feldhamster, weder Schmetterlinge noch Wildbienen eine Chance. Keine Lerche singt mehr und kein Kiebitz ruft. Greifvögel finden dort keine Nahrung. Mittlerweile hat die Politik auch gemerkt, dass es eine Schnapsidee war, Mais zu Biogas und Weizen zu Ethanol zu verwandeln.

Trotz des Tötungsverbots für den Roten Milan, den Mäusebussard und andere Greifvögel fallen jährlich rund 12.000 Greifvögel den Windkraftanlagen zum Opfer. Roter Milan und selbst der Mäusebussard sind bereits in ihrem Bestand gefährdet. Und wir sollten nicht vergessen, der Rote Milan ist der eigentliche Wappenvogel Deutschlands, denn hierzulande lebt fast die Hälfte seines weltweiten Bestandes.

Es geht nicht um Windkraftanlagen an naturverträglichen Standorten wie auf hoher See, auf Kohlefeldern und ausgeräumtem Ackerland. Aber bitte doch nicht in den letzten natürlichen Waldhabitaten vom Hunsrück, dem Vogelsberg oder Pfälzer Wald, in denen dann auch noch zu allem Überfluss Hunderttausende von Fledermäusen zugrunde gehen.

Ihr enormer Flächenbedarf ist der große ökologische Nachteil der alternativen Energien. Um beispielsweise das Hamburger Kohlekraftwerk Moorburg durch Windkraft zu ersetzen, müsste die gesamte Fläche des Stadtstaates mit Rotormasten zugebaut werden.

Der Wegfall von Stilllegungsflächen, der vermehrte Maisanbau und der Ausbau der Windkraft multiplizierten sich zu einem großen Problem. Die Deutsche Ornithologen-Gesellschaft stellte 2013 bereits fest, dass „in der Folge des unüberlegten und übereilten Ausbaus erneuerbarer Energien aus landwirtschaftlicher Biomasse und Windkraft die Bestände von fast 50 Prozent aller Vogelarten deutlich abgenommen haben“.

Paradoxerweise waren die Grünen die treibende Kraft hinter dieser Entwicklung. Eine Partei, die in den 80er-Jahren angetreten war, um die Natur zu retten, wandelte sich zur Sachwalterin großflächiger Naturzerstörung. Als Landwirtschaftsministerin gab Renate Künast einst den verheerenden Schlachtruf aus: „Bauern werden die Ölscheichs von morgen!“ Jürgen Trittin verkündete als Umweltminister die fahrlässige Prognose, dass die Windkraftsubventionierung nur eine Kugel Eis im Monat pro Haushalt kosten werde.

Fatale Irrtümer. Die Naturzerstörung durch die flächenfressende Wind- und Biogas-Industrie ist „genau das Gegenteil von dem, was die Umweltbewegung einst forderte“, sagt der Ökologe Patrick Moore, der 1971 mit seinen Freunden Greenpeace gründete.

Zwei Prozent ihrer Landesflächen wollen die meisten Bundesländer für die Windkraft reservieren. Das klingt wenig, doch es gibt nur die von den Rotoren überstrichene Fläche wieder, der wahre Einwirkungsbereich auf die Vogelwelt liegt um ein Vielfaches höher. Sechs Kilometer soll der Abstand zu einem Schreiadlernest nach Ansicht der staatlichen Vogelschutzwarten betragen.

Damit dürfte im gesamten Vorpommern kein einziges Windkraftwerk mehr aufgestellt werden, obwohl doch nur zwei Prozent der Landesfläche überstrichen werden. Das Umweltbundesamt musste zugeben, dass es bei seinen Ermittlungen für den weiteren Ausbau der Windenergie „Naturschutzanforderungen für besonders gefährdete Arten (…) beispielsweise Rast-und Brutstätten bedrohter Vogelarten“ nicht einbezogen hat.

Klaus Richarz, der 22 Jahre lang die Staatliche Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland leitete, ist erschüttert, dass einige grüne Verbände den Naturschutz beiseiteschieben und gemeinsame Sache mit der Erneuerbare- Energie-Lobby machen. Seine Studie „Windenergie im Lebensraum Wald“, die er im Auftrag der Deutschen Wildtier Stiftung verfasste, belegt eindrucksvoll die Dringlichkeit des Problems.

Allein 12.000 Greifvögel fielen den Windkraftanlagen alljährlich zum Opfer, so Richarz. Mit einer Geschwindigkeit von 300 Kilometern pro Stunde rotieren die Spitzen der Rotorblätter mit einem Radius, der so groß ist wie ein Fußballfeld. Gegen diese riesigen Propellerwände haben Rotmilane und andere Gefiederte keine Chance.

Nach Schätzungen von Hermann Hötker vom Michael-Otto-Institut im Naturschutzbund Deutschland liegt die Zahl der Vogelopfer insgesamt bei einem bis fünf Tieren pro Anlage und Jahr, folglich zwischen 28.000 und 140.000. Genaues ist schwer zu ermitteln, da Ratten, Marder, Füchse, Wildschweine und andere Aasfresser die Kadaver nachts beseitigen.

Wenn nur alle acht Jahre ein Rotmilan von einem Windpropeller erwischt wird, sind dies bei der jetzigen Zahl von 28.000 Anlagen 3500 Vögel weniger. Bei einer Gesamtpopulation von nur 15.000 Brutpaaren in Deutschland ein relevanter Verlust. Wenn nach dem Klimaschutzplan der Bundesregierung die Anzahl der Windmasten verdoppelt wird, könnte es bald vorbei sein mit dem heimlichen Wappenvogel. Denn das würde bedeuten, dass durchschnittlich alle 2,7 Kilometer eine 200 Meter hohe Windenergieanlage aufgestellt wird, quer durch das Land ohne Rücksicht auf Landschaft, Seen, Berge, Wälder, Städte.

Große Vögel wie Störche, Greifvögel und Enten werden besonders häufig von den Rotoren erwischt. „Greifvögel“, sagt der Wissenschaftler Oliver Krüger von der Universität Bielefeld, „sind relativ selten, brauchen große Flächen, aber sie kollidieren überproportional häufig. Das ist eindeutig.“ Seine PROGRESS-Studie ergab, dass sogar der häufige Mäusebussard bei weiterem Ausbau der Windenergie bedroht wäre.

„Auswirkungen auf die Bestände sind sehr wahrscheinlich.“ Es trifft nicht alle gleichmäßig, doch die Empfindlichsten ganz besonders heftig. Und leider sind unter diesen Verlierern die Juwelen des Naturschutzes. Einer dieser Windkraftflüchtlinge ist der scheue Schwarzstorch, der versteckt in Wäldern nistet. Als in der hessischen Vogelsbergregion 170 Windkraftanlagen errichtet wurden, verschwanden neun von 14 Schwarzstorchpaaren.

Noch schlimmer trifft es die Fledermäuse. Durch ihre Ultraschallortung kollidieren die fliegenden Säugetiere fast nie mit solchen Barrieren. Auch werden sie selten von den Rotoren getroffen, dennoch fallen sie tot vom Himmel. Ursache ist ein Barotrauma: Ihre Lungen platzen durch den Druckabfall hinter den Rotoren. Dies widerfährt circa 240.000 Fledermäusen pro Jahr.

Die Dunkelziffer ist vermutlich wesentlich höher, weil die Tiere meist noch ein wenig weiterflattern und dann irgendwo im Wald verenden, wo ihre kleinen Kadaver bald aufgefressen werden. Seltsam: Bei Bauvorhaben wie Autobahnen, Flughäfen, Gewerbeparks, Wohnhäusern oder Brücken löste das Vorhandensein einer Fledermauskolonie jahrelangen Streit aus oder verhindert sogar das ganze Projekt. Der Massentod dieser Tiere durch die Windindustrie rief bisher noch keine vergleichbare Empörung hervor.

Langsam, aber sicher spricht sich das herum. Und je fragwürdiger die Energiewende wird, desto mehr Natur liebende Menschen engagieren sich gegen Landschaftszerstörung und Vogeltod. Rund 800 Bürgerinitiativen gegen Windkraft wurden in jüngster Vergangenheit gegründet. Sie spüren den Verlust ihrer Heimat, der dazu dient, der städtischen Elite den Traum von der nachhaltigen Energieversorgung zu erfüllen. Sie spüren die Rücksichtslosigkeit der Windparkplaner, Grundeigentümer und Genehmigungsbehörden und ihre eigene Machtlosigkeit.

Da auch alle im Bundestag vertretenen Parteien dies ignorieren, gelingt es den Rechtspopulisten sich mit diesem Thema in der Bevölkerung beliebt zu machen. Aufseiten der Demokraten engagiert sich allein die FDP als außerparlamentarische Opposition gegen Landschaftsfraß und Subventionsirrsinn.

Je mehr der Widerstand wächst, desto rüder die Methoden der Windkraftinvestoren. Immer häufiger werden gezielt Bäume gefällt, auf denen gesetzlich geschützte Vögel wie Rotmilan oder Schreiadler nisten. Denn in der Nähe solcher Brutplätze dürfen keine neuen Anlagen errichtet werden. Wer Regionalzeitungen durchblättert, findet zahlreiche Fälle solcher Zerstörungen über die ganze Republik verteilt.

Laut NDR wurden allein 2016 im Landkreis Vorpommern-Greifswald 16 zerstörte Greifvogelhorste registriert. Der Deutschen Wildtier Stiftung wurden innerhalb nur eines Jahres 80 solcher Fälle gemeldet. Immer wieder steht neben Seeadler und Schreiadler der Rotmilan im Fadenkreuz der mutwilligen Zerstörer.

Es geht dabei um sehr viel Geld. Die Pachtzahlung für eine Windkraftanlage, die ja über die Stromrechnung aller Bürger bezahlt wird, beträgt mittlerweile bis zu 80.000 Euro – jährlich, 20 Jahre lang. Hat man also eine Fläche für ein Windfeld von zehn Anlagen anzubieten, lockt ein Ertrag von 16 Millionen Euro für den Grundeigentümer. Das weckt auch kriminelle Energie.

Key Speakers At The Clean Energy ForumDaher fordert die Deutsche Wildtier Stiftung von der Politik, dass in Plangebieten, in denen ein Horst zerstört worden ist, zehn Jahre lang keine Windkraftanlage mehr gebaut werden darf. Eine solche Regelung hat in Sizilien gut gewirkt. Dort hat die Mafia aufgehört, Wälder anzuzünden, nachdem eine zehnjährige Landnutzungssperre nach Waldbränden gesetzlich eingeführt wurde.

Der Autor Prof. Dr. Fritz Vahrenholt ist Alleinvorstand der Deutschen Wildtier Stiftung. Er schrieb eines der wirkmächtigsten Bücher der aufkommenden Umweltbewegung („Seveso ist überall“) war später Umweltsenator in Hamburg, Gründer des Windkraftunternehmens Repower und mit der Firma Innogy einer der größten Windkraftinvestoren.